Im Laufe meines Lebens habe ich unzählige Nachrichten und Anrufe von Menschen erhalten, die mir mitteilten, dass sie sich gerade in Paris befänden, in New York, Miami, vielleicht Moskau, Tokio, Kapstadt, in der Schweiz, in Florida oder in Los Angeles. Und – seien wir ehrlich, ich schliesse mich selbst nicht aus, denn auch ich habe das früher getan – es scheint für sehr viele Menschen von grosser Bedeutung zu sein, dass andere wissen, an welch wunderbarem Ort sie sich gerade aufhalten. Oder mit welch bedeutenden Menschen sie gerade zusammensitzen. Eine Postkarte aus dem Paradies, verschickt an alle, die gerade nicht dort sind. Niemand, so scheint es, schreibt jemals: „Liebe Grüße aus Hinterdupfing." Dabei wäre gerade das, wie ich noch zeigen möchte, die ehrlichere und am Ende womöglich glücklichere Nachricht.
Was schon die Alten darüber wussten
Die antiken Denker haben sich mit genau diesem menschlichen Bedürfnis, durch den eigenen Aufenthaltsort zu glänzen, bereits ausgiebig beschäftigt – und sie kamen zu einem bemerkenswert klaren Urteil.
Der Philosoph Diogenes von Sinope, jener berühmte Kyniker, der in einem grossen Tongefäss auf dem Marktplatz von Korinth lebte, wurde einst gefragt, aus welcher Stadt er stamme. Seine Antwort ging in die Geschichte ein: „Ich bin ein Kosmopolit" – ein Weltbürger. Er, der besitzlos und ohne festen Wohnsitz lebte, erhob sich damit über jene, die ihre Identität aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten, möglichst angesehenen Stadt bezogen. Als ihm eines Tages sogar Alexander der Grosse, der mächtigste Mann seiner Zeit, gegenübertrat und ihm jeden Wunsch gewähren wollte, bat Diogenes nur um eines: „Geh mir ein wenig aus der Sonne." Wer innerlich schon reich ist, braucht weder Paläste noch mächtige Bekanntschaften, um sich seiner selbst zu vergewissern.
Auch der römische Stoiker Seneca widmete diesem Thema eigens einen seiner berühmten Briefe an Lucilius. Er lobt darin seinen Freund ausdrücklich dafür, dass dieser nicht ruhelos von Ort zu Ort ziehe – non discurris nec locorum mutationibus inquietaris, „du läufst nicht umher und lässt dich nicht durch den Wechsel der Orte beunruhigen". Und dann folgt der Satz, der wie für unsere Zeit der Standort-Meldungen geschrieben scheint: Aegri animi ista iactatio est – „dieses Umherwerfen ist ein Zeichen einer kranken Seele". In einem weiteren Brief bringt Seneca es noch pointierter auf den Punkt: Animum debes mutare, non caelum – „Du musst deinen Geist verändern, nicht den Himmel über dir". Und er erinnert an eine Begebenheit, in der Sokrates einem Reisenden, der klagte, seine Reisen hätten ihm nichts genützt, entgegnete: Was wunderst du dich, dass dir das Reisen nichts nützt – du nimmst dich selbst doch überallhin mit! Auch Aristoteles lehrte in seiner Ethik, dass das wahre menschliche Glück, die Eudaimonia, aus der tätigen Verwirklichung der eigenen inneren Tugend erwächst – niemals aus äusseren Gütern wie Reichtum, Ansehen oder einem prächtigen Aufenthaltsort. Äussere Güter, so Aristoteles, können das gute Leben höchstens begleiten, niemals aber begründen.
Die Psychologie hinter dem Bedürfnis, gesehen zu werden
Warum aber tun Menschen es trotzdem – warum verspüren so viele den Drang, ihren Standort wie eine Monstranz vor sich herzutragen? Die grossen Psychologen des zwanzigsten Jahrhunderts liefern dazu erhellende Antworten.
Alfred Adler, einer der Begründer der modernen Tiefenpsychologie, sprach vom „Geltungsstreben" – jenem tief sitzenden menschlichen Bedürfnis, Anerkennung und Bedeutung zu erlangen, das häufig aus einem unbewussten Gefühl der Minderwertigkeit heraus entsteht. Wo ein Mensch innerlich nicht ausreichend von seinem eigenen Wert überzeugt ist, sucht er Bestätigung von aussen – und ein exotischer Ort, an dem man sich gerade aufhält, wird zu einem leicht verfügbaren Beweisstück der eigenen Bedeutsamkeit.
Noch tiefer geht Erich Fromm in seinem Werk „Haben oder Sein". Er unterscheidet zwei grundverschiedene Weisen, das eigene Dasein zu gestalten: den Modus des Habens, in dem sich ein Mensch über das definiert, was er besitzt, konsumiert oder vorzuweisen hat – „Ich bin, was ich habe und konsumiere" –, und den Modus des Seins, in dem ein Mensch aus seiner eigenen inneren Lebendigkeit heraus schöpft. Wer im Modus des Habens verhaftet ist, so Fromm, kompensiert eine innere Leere durch vermeintliche Statussymbole – und dazu zählt eben auch der glanzvolle Aufenthaltsort, den man wie eine Monstranz vor sich herträgt.
Der Sozialpsychologe Leon Festinger lieferte mit seiner „Theorie des sozialen Vergleichs" eine weitere wichtige Erklärung: Menschen bewerten den eigenen Wert unweigerlich im Vergleich zu anderen. Eine Nachricht aus Paris oder Miami ist, bewusst oder unbewusst, immer auch eine Einladung an den Empfänger, sich selbst mit dem Absender zu vergleichen – und dabei möglichst neidisch zurückzubleiben. Der Soziologe Erving Goffman beschrieb diesen Mechanismus als „Impression Management": Wir alle inszenieren im sozialen Leben eine Bühnenfigur, ein Idealbild unserer selbst, das wir der Welt präsentieren wollen – und der glamouröse Urlaubsort gehört zu den wirkungsvollsten Requisiten dieser Inszenierung.
Was die Wissenschaft dazu herausgefunden hat
Auch die moderne Forschung hat sich diesem Phänomen ausführlich gewidmet. Bereits 1899 beschrieb der Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen in seinem einflussreichen Werk „Theorie der feinen Leute" das Prinzip des „demonstrativen Konsums" (conspicuous consumption): Menschen erwerben und zeigen Güter nicht in erster Linie, weil sie ihnen nützen, sondern um ihren sozialen Status sichtbar zu demonstrieren. Ein Aufenthalt an einem prestigeträchtigen Ort funktioniert nach genau demselben Prinzip – er ist, könnte man sagen, demonstrativer Konsum in geografischer Form.
Besonders aufschlussreich ist zudem, was die Glücksforschung über den tatsächlichen Effekt solcher Statussymbole herausgefunden hat. Die Psychologen Philip Brickman und Donald Campbell prägten 1971 den Begriff der „hedonistischen Tretmühle": Menschen gewöhnen sich erstaunlich schnell an positive Veränderungen und kehren binnen weniger Wochen oder Monate zu ihrem ursprünglichen Grundniveau an Zufriedenheit zurück – ganz gleich, ob sie eine Gehaltserhöhung, einen Lottogewinn oder eben eine Reise an einen traumhaften Ort erlebt haben. Der schönste Ort der Welt verschafft, wissenschaftlich betrachtet, nur einen sehr kurzfristigen Glücksschub. Eine vielzitierte Studie amerikanischer Forscher aus dem Jahr 2012 wies zudem nach, dass eine situativ aktivierte materialistische Denkweise – etwa durch die Konfrontation mit Luxusgütern oder Statussymbolen anderer – das eigene Wohlbefinden und das soziale Miteinander messbar verschlechtert. Wer sich ständig mit den vermeintlich glanzvollen Standorten anderer vergleicht, schadet demnach nicht nur der eigenen Zufriedenheit, sondern auch seinen Beziehungen.
Was die grossen spirituellen Lehrer dazu sagen
Die spirituellen Traditionen der Menschheit gehen dem Phänomen noch auf den Grund seiner tiefsten Ursache. Der Buddha lehrte, dass alles menschliche Leiden aus dem Tanha entspringt, dem Durst, dem Anhaften an vergängliche Dinge, Zustände und Vorstellungen von uns selbst. Das Bedürfnis, durch einen bestimmten Ort aufgewertet zu werden, ist aus dieser Sicht nichts anderes als eine weitere Form des Anhaftens – der Versuch, das eigene, an sich schon vollständige Wesen durch etwas Äusseres zu ergänzen, das in Wahrheit niemals ausreichen kann.
Eckhart Tolle, einer der einflussreichsten spirituellen Lehrer unserer Zeit, bringt es in seinem Werk „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart" auf eine sehr klare Formel: Frieden und Erfüllung sind niemals an einen Ort oder eine äussere Bedingung gebunden, sondern einzig an die Qualität der Aufmerksamkeit, die wir dem gegenwärtigen Augenblick schenken. Auch das Lukasevangelium überliefert einen Satz von zeitloser Klarheit: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch." Wer im Aussen sucht, was nur im Inneren zu finden ist, wird – ganz gleich, wie oft er den Ort wechselt – stets mit leeren Händen zurückbleiben. Der persische Mystiker Rumi eröffnet sein Hauptwerk, das Masnavi, mit dem Bild einer Rohrflöte, die, aus ihrem Schilfbeet herausgeschnitten, seither klagend von der Trennung von ihrem Ursprung singt – ein Sinnbild für jene tiefe, oft unbewusste Sehnsucht, die Menschen von Ort zu Ort treibt, in der Hoffnung, anderswo endlich anzukommen, während das eigentliche Zuhause immer nur im eigenen Inneren zu finden gewesen wäre. Und der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh lehrte in unzähligen Variationen denselben schlichten Kerngedanken: „Wo auch immer du bist, sei ganz dort." Nicht der Ort entscheidet über unseren inneren Frieden, sondern die Vollständigkeit unserer Anwesenheit an ihm.
Eine eigene Erinnerung
Ich denke an eine ältere Frau, der ich einmal auf einer einfachen Parkbank begegnete, mit einem Pausenbrot in Papier gewickelt und einer Thermoskanne Tee. Sie sass dort, die Augen geschlossen, das Gesicht der Sonne zugewandt, und ein Lächeln lag auf ihren Zügen, das ich bei so manchem Menschen an den prächtigsten Stränden dieser Welt vermisst habe. Sie besass keinen Palast, keinen Whirlpool, kein Flugticket nach irgendwohin – und doch strahlte sie eine Zufriedenheit aus, die sich durch nichts Äusseres erklären liess. Diese Frau auf der Parkbank hatte, ohne es vermutlich selbst philosophisch zu benennen, genau das verwirklicht, wovon Diogenes, Seneca und die grossen spirituellen Lehrer sprachen: Sie war ganz bei sich – und damit überall zu Hause.
Der Garten als Bewusstseinszustand
Was bleibt also am Ende dieser Betrachtung? Ich lebe schon viele Jahre ohne eigenen Garten. Und doch fehlt mir nichts. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, wird der Wald zu meinem Garten, die Wiese zu meinem Garten, das Ufer eines Sees zu meinem Garten. Ich liebe und geniesse jene Momente, die ich dort, oft ganz allein, verbringen darf, mit derselben Tiefe, mit der andere ihren eigenen, sorgsam gepflegten Garten geniessen mögen – vielleicht sogar mit noch grösserer Dankbarkeit, weil ich weiss, dass dieser Garten mir in Wahrheit nicht gehören muss, um mir zu gehören.
Der Garten, so verstehe ich es heute, ist letztlich kein Ort auf einer Landkarte, sondern ein Zustand des Bewusstseins. Wer diesen inneren Garten in sich selbst gefunden hat, trägt ihn an jeden Ort dieser Welt mit sich – nach Paris ebenso wie nach Hinterdupfing. Und wer ihn nicht gefunden hat, wird ihn auch an den prächtigsten Küsten dieser Erde vergeblich suchen. In diesem Sinne wünsche ich jedem, der diese Zeilen liest, nicht in erster Linie ferne, glanzvolle Reisen – sondern jenen inneren Ort des Friedens, von dem aus jeder Ort, an dem man sich gerade befindet, zum schönsten Ort der Welt werden kann.
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